Samstag, 18. April 2009

Die große Eurovision Song Contest-Analyse zum 1. Halbfinale


Ein Finale mit 25 hochwertigen Titeln; dank der seit letztem Jahr bestehenden Halbfinalregelung ist dieser Traum durchaus realistisch geworden. Bis auf den Ausrutscher mit der lettischen Theatertruppe war das Teilnehmerfeld, das sich herauskristallisiert hat, vollkommen vertretbar und tatsächlich das Beste, was Europa bei diesem Contest musikalisch zu bieten hatte.

Jetzt mit der neuen Regelung zur Zusammensetzung der Punkte (Halb Televoting, halb Jury) erhoffe ich mir, dass auch die letzten qualitativen Ausreißer aus Baltikum und Balkan endlich gerechterweise ausscheiden und dass wir am Samstag ein durchweg zufrieden stellendes Teilnehmerfeld haben. Gedanken wie "wenn Russland sich nicht ganz blöd anstellt, wird das dank ihrer GUS-Nachbarn mindestens Top 3" sollen endlich wieder verschwinden und einzig und allein die Qualität soll das Maß aller Dinge für den Sieg und die Plätze dahinter werden. Wie idealistisch das ist, werden wir spätestens in einem Monat sehen.

Jetzt erst einmal die schonungslose Analyse des Teilnehmerfeldes im ersten Halbfinale:

Montenegro: Sehr Pop, aber auch unglaublich eingängig. Die Live-Leistung wird da ganz entscheidend sein.

Tschechien: Ohne Worte. :-) Dass der Frontsänger mit einem B-Movie-Superhelden-Kostüm auftritt, sagt im Grunde schon alles. Dazu kommt ein so gezwungen lustiger Auftritt, dass du nur den Kopf schütteln kannst. Das wird auch im dritten Anlauf nichts, liebes Tschechien.

Belgien: Yeah, Rockabilly-Sound! Allein für diese einmalige musikalische Note gehört Belgien ins Finale, (so wie eigentlich letztes Jahr Bulgarien mit seiner Techno-Nummer weitergehört hätte) aber auch darüber hinaus geht das Lied richtig in die Beine. 

Weißrussland: Püh! Ein blondierter Jewgeni Pljuschtschenko-Verschnitt, der sich selber wahrscheinlich am allerbesten findet. Damit ist er bei mir erst einmal untendurch. Das Lied... naja, ist eher Standard, etwas rockig, etwas balladig, nicht Fisch, nicht Fleisch.

Schweden: Alter Schwede!! Und das ist ernst gemeint. Für mich momentan der Song mit dem größten Gänsehaut-Potential und mit einer "epischen Größe", so nenne ich es jetzt mal, um ein würdiger Siegertitel zu sein, auch wenn es die Sopranistin mit ihrer Stimme am Ende fast zu gut meint. Das unter Umständen einzige Manko könnte der wieder mal fast zu perfekte Auftritt sein. Das Problem hatte ja letztes Jahr auch Charlotte Perelli, dass alles scheinbar zu künstlich, zu choreografiert wirkte. (Wobei, bei ihrem Liftgesicht war das auch kein Wunder ^^) Hier könnten unter Umständen die Jurys das Zünnlein an der Waage sein.

Armenien: Sorry, aber... ne. Weder in Videoform noch live haben mich die beiden Damen irgendwie überzeugt. Da wird die Nachbarschaftshilfe hoffentlich ausfallen.

Andorra: Süüüüß! Ein Lied, so putzig wie die Sängerin selbst, und da ist das Problem. Chartstauglich ist einfach nicht automatisch ESC-tauglich. Diese Erfahrung haben gerade wir und einige andere westeuropäische Länder in den letzten Jahren machen müssen. Wenn hier also die Performance nichts Herausragendes bietet, wird dieses Lied fürchte ich als reizendes Radiopop-Kleinod im Halbfinale untergehen. (Aber vielleicht belehrt mich ja die Macht der Jurys eines Besseren)

Schweiz: Hat mit hoher Wahrscheinlichkeit das Andorra-Problem, was echt schade wäre; ein mehr als passabler Indie-Rock-Song, den man sich auch darüber hinaus merken sollte.

Türkei: Ach ja, Türkei, Griechenland und Ukraine. Die drei Länder muss man inzwischen immer auf der Rechnung haben. Nicht unverdient. Seit ihren jeweiligen Siegen bringen sie eine große Nummer nach der anderen zum Contest. Hier beginnt aber der Hamster zu humpeln. Innovativ schreibt man dort inzwischen nicht mehr so groß. So auch im Falle der Türkei. Schön orientalisch, hübsch anzuschauen, aber musikalisch nicht viel anders als das, was man vor zwei Jahren schon hingeschickt hat. Für Top 10 wird es am Ende aber reichen.

Israel: Hm... Georgien wurde rausgeschmissen wegen einer zweideutigen Textzeile, aber Israel darf mit steter Regelmäßigkeit seine pseudopolitischen Auftritte abgeben. Sehr zwiespältig... aber egal, das Duett, das sie dieses Jahr nach Moskau schicken, ist auch so nicht der Überflieger. Versprüht weder Magie noch Sympathie, und das wäre ja das Mindeste, was man von einem Finaltitel erwarten kann.

Bulgarien: Noch eine Sopranstimme, diesmal aber aus einer männlichen Kehle. :-) Musikalisch durchaus gute Ansätze, aber live nach meinem Eindruck sehr durchwachsen. Da heißt es abwarten, was der Halbfinalauftritt bringt.

Island: Dieses Lied gehört so was von in die Charts! Und ins Finale natürlich. Eine richtig moderne, wundervolle Pop-Ballade, die einem wirklich im Ohr hängen bleibt. Damit könnte es sogar für eine kleine Überraschung gut sein. Wer weiß...

Mazedonien: Einfach nur Rock. Und damit eigentlich nicht sehr massenfähig. Ein typischer Balkan-Connection-Fall halt und damit dieses Jahr unter meiner ganz besonderen Beobachtung.

Rumänien: Seeeehr Pop und sehr bunt, aber nicht so sympathisch wie Montenegro zum Beispiel. Das wird wohl einer dieser Titel, die die mittelmäßige musikalische Qualität durch ein trickreiche Bühnenshow kompensieren werden. Ob das reichen wird?

Finnland: Die Skandinavier wollen es dieses Jahr wirklich wissen. Durch die Bank haben diesmal alle Länder saugeile Beiträge (siehe Island, siehe Schweden), die für mich alle Siegerpotential haben. Finnland überzeugt hierbei mit einer feschen HipHop-Note, einer guten Frauenstimme und harten Vibes, die sich in ihrer Kombination meterweit aus dem osteuropäischen Plastik-Pop hervorhebt. Mein Geheimfavorit Nummer 1.

Portugal: Mein Geheimfavorit Nummer 2. Das Lied ist Frühlingsgefühl und Sommerlaune pur. Heiter, beschwingt, typisch mediterran, einfach die perfekte Begleitung für warme Abende unter freiem Himmel. Bitte merken, Leute!

Malta: Es ist ein Kreuz mit diesem Lied. Das liegt daran, dass im Internet momentan zwei Gesangsversionen davon kursieren. Das genaue Kreuz ist dabei der Anfang. In Version 1 legt Chiara die Töne anders an als in Version 2, der Musikvideoversion. Ich bete zum Himmel, dass sie in Moskau Version 1 singt! Dann wäre es die HAMMERballade schlechthin.

Bosnien & Herzegowina: Ein interessantes Ende fürs Halbfinale. Noch einmal richtig trübe Folklore zum Abschluss, bevor es zum Voting geht. Ist mir persönlich ein bisschen zu schwermütig, was aber in dem Fall überhaupt nichts heißen mag. Kann auch den Nerv der Leute treffen.

Die 10, die meiner Meinung nach den Nerv der Leute treffen sollten, sprich ins Finale kommen sollten, wären - jetzt noch einmal zusammengefasst:

Montenegro
Belgien
Schweden
Andorra
Schweiz
Türkei
Island
Finnland
Portugal
Malta

Mal sehen, wie viele Treffer ich haben werde. Nächstes Mal kommt dann das zweite Halbfinale und natürlich die großen Vier und Russland. Danke fürs Lesen!

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